Skip to content

XX-XX-XXXX+3

Guten Morgen. Ich habe ruhig geschlafen. Ungläubiges Erwachen, da ich keinen Schimmer hatte, wo ich mich befand und wie ich hierher gekommen war. Kurzes Telefonot mit der Regie, die anscheinend auch gerade erst aufgestanden ist. Gute Verfassung, werde jetzt frühstücken. Mein Frühstück besteht aus Rühreiern mit Speck, Orangensaft, Toast, Räucherlachs auf Bagel, Sekt. Ha. Ha. Es gibt kurz aufgebrühtes Kaffeepulver und Müsli, aufgelöst in einer Mischung aus Wasser und Milchpulver. Nicht übel, aber für den Rest der 100 Tage?

Ich habe herausgefunden, dass das Voltmeter auch ein Durchgangsprüfer ist, so dass ich testen kann, ob herumliegende Elektoteile wie Glühbirnen und ähnliches noch funktionieren. Als ich meine Entdeckung der Regie mitteile, ist die Reaktion eher unbeeindruckt. Man glaubt wohl nicht, dass ich McGuyversche Züge trage oder noch entwickeln werde und die Leitung steht jeder technischen Pfriemlei distanziert gegenüber.

XX-XX-XXXX+2

Unterwegs in Tiefrot. Es handelt sich um Sektor 24, in dem das Gebäude zur Unterbringung der Arbeiter steht. Habe meine Notdurft in einem Verschlag verrichtet. Das Schamgefühl verlässt einen wohl nie. Da ich seit gestern unter Verstopfung leide, entsprechende Tablette genommen, auch gegen die Kopfschmerzen. Der Schlüssel zum Komplex passt wie angegossen und das Schloss lässt sich öffnen, was mich euphorisiert. Ein muffiger Geruch schlägt mir aus den Gängen im Inneren entgegen. Mit großer Entschlossenheit in meinen wackeligen Knien betrete ich die Eingengshalle. Überall hängt etwas von den Wänden, darunter auch marode Stromleitungen. In einigen dieser Leitungen knistert es, an anderen schlägt der Spannungsprüfer aus Ich werde den Spannungsprüfer nun immer am Gürtel tragen. Anscheinend ist die Regie nicht im geringsten besorgt um meine Gesundheit. Gute Vorstellung, Leute. Weiter so! Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir “Schlörach von Starkstrom erschlagen.”

Habe nicht die geringste Lust, heute noch nach oben in die Wohnungsbereiche vorstoßen. Mit Mühe gelingt es, eine wuchtige Doppeltür zu öffnen. Das Brecheisen erweist sich als 1-A-Werkzeug, ein echter Kumpel, wenn Du allein unterwegs bist. Die Tür ist der Eingang zu einer Art Casino bzw. Gesellschaftsraum, der den linken Flügel des Erdgeschosses einnimmt. Es gibt eine Tanzfläche, eine Bar und einige knallgrüne Sitzgarnituren. Ich hatte mehr Staub erwartet, aber wo kein Leben, da anscheinend nicht viel Staub. Auf dem Thresen stehen eine Flasche und daneben ein Glas. Ich bestelle einen Gin-Tonic. Schlechter Service. Inzwischen bin ich mir sicher, dass diese Eindrücke der Menschenleere nicht gesund sind. Die Gefahr der Paranoia ist gegeben, deswegen hat man mir empfohlen, das Taschenradio anzulassen, um nicht von menschlichen Stimmen entwöhnt zu werden. Seltsamerweise habe ich mir diese Entwöhnung ja schon oft herbeigesehnt. Im Handbuch steht “Übernachtung außerhalb der Stationen nur im Notfall.” Nun, dies ist ein Notfall, denn ich habe offensichtlich die Station verpasst. Außerdem geht der Strom für das Radio aus. Gute Nacht.

XX-XX-XXXX

Zeit ist relativ, ich bin mir des heutigen Datums nicht mehr sicher, da ich es so oft gehört und selbst wiederholt habe; man legt viel Wert darauf, dass ich das Zeitgefühl nicht verliere. Ich bin angehalten, bei meinem Aufenthalt ständig Datum und Uhrzeit zu kontrollieren. Ich komme mir vor wie ein Kosmonaut. Das Ausdauertraining hat mich bis zu einem gewissen Grad. gestählt. Mit 42 fühle ich mich fitter als mit 22. Elena, die Photographin, die neben mir im Helikopter sitzt, gibt mir ein russisches Kochbuch. Da ich weder Russisch kann, noch die Möglichkeit haben werde, mir in aller Ruhe Essen zuzubereiten, nehme ich es als Talisman an mich und verabschiede mich von ihr mit einem feuchten und zittrigen Händedruck. Es liegen noch zwei Stunden gemütlicher Fußmarsch vor mir, ehe ich den maroden Komplex erreichen werde. Der Haubschrauber will abheben, da laufe ich zurück, klopfe an die Scheibe. Die Tür wird geöffnet und Elena fällt fast heraus. Ich küsse sie auf die Stirn und sage „Ciao“. Das war meine Ankunft im August. Meine Aufzeichnungen in der Einsamkeit haben begonnen.

Meine Unterkunft für heute Nacht befindet sich fünf Kilometer vom eigentlichen Arbeiterkomplex am Fuße eines zerklüfteten Massivs. Ab und zu bröcket was ab und kullert mir fast vor die Füße. Vorsicht! Glück gehabt. Man hat Wert darauf gelegt, mir die ersten Nächte so angenehm wie möglich zu machen. Mit einem Stromgenerator, der einen Heidenlärm macht, wird Warmwasser und der Fernseher betrieben, außerdem kann ich hier Handy und Laptop aufladen, mit dem ich über Satelliten-Internet die Verbindung zur Zivilisation aufrecht erhalte.

Morgen also schon werde ich zur ersten Expedition aufbrechen. Ich entsiegele den Blechkasten; in ihm befinden sich die Karte und ein wenig Ausrüstung. Auf der Karte sind Bereiche grün, gelb, rot und schwarz eingefärbt. Das Gebiet ist riesig. In der Schatulle befinden sich noch ein Spannungsprüfer (in einigen der Stromleitungen ist noch Saft), ein Brecheisen (das ist jetzt nicht Euer Ernst) und allerlei Schnickschnack (Dosenöffner, Zange) UND DANKENSWERTER WEISE DER BESTELLTE KAFFEE.

Was meine Umgebung angeht, ähnelt sie deutschen Industriegebieten, jedoch mit alpinem Einschlag. Es gibt viele Blechverschläge, winzige Holzhütten, große Gebäude aus Stahl in kargen Schuttlandschaften, andere sehen wie Reihenhäuser aus. Als ob ihre Bewohner gleich zurückkehren würden von einem Ausflug. Diese Stille ist schon gespenstisch. Und ich bin das einzige menschliche Wesen weit und breit. Wahnsinn.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.